Freitag, 19. August 2011

Vom Hecheln und Schwitzen - Charlotte Roche

Nachdem nun auch die seriösen publizistischen Denkstuben nicht darum herum gekommen sind, auf den Hype um die Veröffentlichung „Schossgebete“ der Skandalautorin Charlotte Roche einzugehen, sollen auch hier einige Gedanken dazu skizziert werden.

Es war alles gefickt eingeschädelt vom Verlag Piper – grosse Verführungskunst: Im April wurde das Buch laut, lasziv und farbig angekündigt für den August. Wer es zu Rezensionszwecken orderte, musste sich aber gedulden bis wenige Tage vorm offiziellen Release-Termin am 10. August. Nichts, vor allem keine nüchternen Vorbesprechungen, sollte die grosse mediale Inszenierung der Niederkunft des Roche’schen Zweitlings beflecken. Wie bei ihrem  Ersten Mal („Feuchtgebiete“, 2009) sollte die Sexbeichte der jungen, zierlichen, verruchten Autorin wie eine Sexbombe im Leser- und Büchermarkt einschlagen.

Nun, das ist alles gelungen, Applaus, Applaus. Die Frage, die hier gestellt sei: Hat es sich gelohnt?


Glaubt man den Rezensenten: nein. Ohne das Buch angerührt zu haben scheint mir doch interessant was in den letzten beiden Wochen darüber geschrieben wurde. Die Reaktionen – von sarkastisch bis gelangweilt bis verärgert. Dass ein Hammer-Knüller-Erfolg eben selten ein zweitesmal genauso gelingt, kennen wir aus aus eigener (Bett-)Erfahrung. Und dass sich das Feuilleton verarscht vorkommt, ist verständlich. Schreibt die Frau doch zwar, wie bestellt, über Sex, seitenlang, aber geht es im Wesentlichen doch über ihre Ehe, ihre traumatischen Erlebnisse bei einem Autounfall und um ihre Psychotherapie. Zuviel Literatur, zuwenig Schund? 

Besonders hübsch die Weltwoche: stellt auf der Frontseite die Frage: „Können Frauen über Sex schreiben?“ Der Autor denkt aber nicht im Traum daran, diese Frage dann auch zu beantworten. Stattdessen liefert er eine Übersicht von den Anfängen der erotischen Literatur bis zu heute. Ist ja auch ganz nett.
Tatsache ist: erotische Literatur (auch. Erotik in der Literatur) war stets geprägt vom männlichen Blick auf die Frau. Die Frau als Sex-Objekt. Generationen von Literaturfreunden und –freundinnen haben das so gelesen und begriffen. Erst mit dem Feminismus änderte sich der Blickwinkel. Jellinek, Streeruwitz und andere – so die Weltwoche – begriffen die Frau als Opfer jener männlichen Fixierung und Sexualisierung, gegen die man sich auflehnen müsse.


Die jüngeren Sex-Autorinnen, ob sie nun Melissa Panarello, Helene Hegemann, Michele Roten oder eben Charlotte Roche heissen – scheinen sich nun jedenfalls keinen Deut um solche Fragen zu kümmern. „Mit erregter Vorfreude“ grinst die Roche jeden Abend im Bett. Über 15 Seiten stark sei die detailgetreue Beschreibung des ehelichen Geschlechtsverkehrs, kommentiert mit: „Beim Sex verändere ich komplett meine Persönlichkeit. Dann bin ich völlig frei. Mir ist nichts peinlich. Die Geilheit auf zwei Beinen. (..) Ich vergesse alle Pflichten und Probleme, bin nur mein Körper und nicht mein anstrengender Geist.“ Und was besonders ins Auge Falle: die uneingeschränkte Hingabe an den Mann - in der wahrsten Bedeutung des Wortes - ihn in allen Variationen verwöhnen wollen, genommen werden, ordentlich gefickt werden.

Mann kann von Roches ins Rampenlicht gezerrter Geilheit, von dieser besoffen wirkenden Sex-Sucht, von dieser lallend, hechelnd, mit zittrigen Lippen vorgetragenen Hingebungs-Gier halten was Mann will. Es hat eher etwas Bedürftiges. Eine Dienerin im Bett? Nun, als Fantasie, ja, oder im Bordell, aber in aller Regel liegt man ja da mit der Frau, die man liebt. Eine, die sich so hinwirft und wie ein Stück Fleisch von einem Metzger behandelt werden will – nicht sexy. Wo bleibt der Reiz der Eroberung, wo die Verführung, Geben und Nehmen? Welches andere Manko soll damit ausgeglichen werden? Was stimmt mit der nicht?

Jedenfalls scheint sich die Prädisosition der Autorin und der deskriptive Gehalt kaum von all der Pornoliteratur, der Schmuddelschreibe und der erotischen Träumereien zu unterscheiden, wie sie Jahrhunderte lang von Männern geschrieben, gemalt, gezeichnet, besungen und geflüstert wurde.

Das führt zur Frage: Gibt es überhaupt eine weibliche Art, über Sex zu schreiben? Und weiterführend: Gibt es eine weibliche Sexualität, die sich so grundlegend von der männlichen Perspektive (Frau als Objekt) unterscheidet? Gibt es weibliche Sexualität über das mit Lustgewinn verbundene Selbstverständnis hinaus, ein Objekt des Mannes zu sein, ihm zu gefallen und genau darin (und durch ihn) sexuelle Erfüllung zu erfahren?

Mein Gedanke: nein, gibt es nicht. Weder in der Kunst noch im richtigen Leben. Es scheint dass Generationen von verschwitzten, lüsternen, alten Männern schreibend formuliert haben: Wir wollen euch nehmen, ihr Weiblein!. Und Roche antwortet ihnen: Und wir wollen nichts weiter als uns euch hingeben!. Ist das so? Eigentlich enttäuschend, nicht?

Kommentare:

  1. ein lesevergnügen, trotz etwas klein geratener schriftzeichen. das zentral eingeflochtene stichwort bedürftigkeit möchte ich sogleich aufgreifen. was meinen sie, wer ist am ende bedürftiger - roche oder roth? oder ist die bedürtigkeit am ende womöglich dieselbe?

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  2. Nachdem ich bereits beschlossen hatte, kein Interview über und mit C.R. mehr anzuschauen und keine Rezensionen mehr, habe ich gestern im Flieger den Stern-Bericht von Ulrike Posche doch noch gelesen und war wider Willen beeindruckt (die WW habe ich noch nicht gelesen). Was Posche gut herausarbeitet, m.E. in den Besprechungen bislang viel zu kurz gekommen ist, ist die von Roche proklamierte Bekämpfung ihrer immer latent anwesenden Angst durch Sex. Verbatim: 'Wenn ich keinen Sex habe, habe ich Angst'. Diese so naiv scheinende, auf Teufel komm' raus provozierende Frau, der Schlimmstes widerfahren ist, bearbeitet mit ihren Romanen dieses Lebenstrauma. Das kann man akzeptieren oder nicht, man muss es nicht mögen, aber die Auflage ihrer Bücher und ihre Akzeptanz, vor allem, aber nicht nur, in der MTV-Generation legt nahe, sich mit ihren Theorien auseinanderzusetzen.
    Sie bestätigt im Grunde das, was man den Hardcore-Schwarzer-Feministinnen der ersten Stunde (zu denen auch Roches Mutter gehört) versucht beizubringen:
    'Der Feminismus jener Zeit habe dazu geführt, dass der Mann seine Sexualität verweiblichen musste, glaubt Roche erkannt zu haben'. Sie proklamiert den harten, schnellen Sex, das Gekuschele und Vorspiel und Nachspiel-Zeugs sei gar nicht gewollt. Und sie trifft anscheinend bei vielen Frauen, durchaus auch älteren, einen Nerv.
    Wie gesagt, man darf Roche als Trash-Porn-Queen abtun - man könnte aber auch mal überlegen, was genau sie Millionen von Frauen zu sagen hat.
    Und zum Stichwort Bedürftigkeit: mir und ich sage mal, ohne wissenschaftlichen Beweis, vielen meiner Generation stellt sich immer wieder die Frage, wie diese Generation dauerhafte Partnerschaften aushalten will, wenn Sex der Hauptfaktor ist. Wenn Sex, wie bei Roche, als Angst-Uebertüncher dient, dazu, eine Art temporärer Besinnungslosigkeit herbeizuführen, die, wie eine Droge, das wirkliche Leben ausblendet, muss erlaubt sein zu fragen, ob es hier nicht schon fast um eine Art Krankheit geht? Ich habe keine Antwort, aber ich beobachte diese Diskussion - und ganz besonders die Reaktionen darauf - mit grossem Interesse. Mir scheint es richtig, was Ulrike Posche schreibt: '...jede Generation (muss) ihre eigene sexuelle Positionierung in Bild und Ton noch einmal hervorbringen...'

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  3. eine vermutung: es gibt (auch) eine sexualität, die das leben feiert, und nicht bloss dem tod, dem alter, der verzweiflung, der vereinzelung, kurzum: der existentiellen angst, ein schnippchen schlagen will. roches problem (respektive das problem ihrer protagonistin) könnte - so mein eindruck - daher rühren, dass sie im sex ein flucht- und (all)heilmittel, ausschliesslich im letztgenannten sinn, sucht, oder wie es der rezensent der süddeutschen geschrieben hat:

    "Die Befreiung der Sexualität hat zwei Konsequenzen: Zum einen wird sie banal, zum "alten Rein-Raus-Spiel", wie sie Anthony Burgess in seinem Roman "Uhrwerk Orange" nannte. Zum anderen aber fordert sie, selbständig geworden, erst recht alle höheren Erwartungen heraus, die zuvor ein über Jahrhunderte eingespielter kultureller, bis in die Sakralsphäre reichender Zusammenhang aufgefangen hatte. Sie wird absolut, sie wird zum Fetisch, zum Gegenstand eines eigenen Fundamentalismus: 'Der Trip beginnt', lautet der letzte Satz in diesem unerheblichen, trivialen, ja verlogenen Buch, das also gar nicht zufällig das Wort 'Gebete' im Titel trägt. Denn es huldigt dem Glauben an eine rettende Erfahrung. Und weiß doch, dass es sie nicht gibt."

    kurzum: roches bedürftig-verzweifeltes 'fick mich ins leben zurück' scheint irgendwie nicht ganz wunschgemäss zu funktionieren, auch wenn sie uns genau dies verkaufen will. wenigstens glaubt man das aus ihren interviews herauslesen zu können, beispielsweise in der zeit (die buchinhalte sind mir nur aus rezensionen bekannt).

    http://www.zeit.de/2011/33/Roche-Hensel/seite-1

    astrid, welcome back! was hat der aufenthalt in der zweitheimat an erkenntnissen gebracht?

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  4. @Astrid: das habe ich mir auch gedacht. Es wäre die Fortsetzung des fanatischen Körperlichkeitskultes unserer Zeit, der sich in einem quasi therapeutischen Gebrauch der Sexualität (in allen Facetten) niederschlägt. Roche selbst schreibt ja von "Sex als Therapie".

    Wie eine Medizin, bloss der Untertschied ist, dass Bücher von medikamentensüchtigen Menschen kaum je so freudig an die Schamgrenzen der anderen rühren, die nicht krank sind. Das literarische Protokoll einer Tablettensüchtigen würde sich kaum als bahnbrechender Tabubruch-Erfolg feiern lassen und den Suchtmittelmissbrauch auch noch verherrlichen.

    Nun gut, diese Art Porno (aus der Schmuddelecke ins Scheinwerferöicht gezerrt, da die Urheberin Frau, also frei vom Sexismusverdacht, alles klar) zieht sich dann ja auch Herr und Frau 08/15 rein und jeder für sich seufzt ein Bisschen, dass er auch gerne solch übermächtige Unterleibsbedürfnisse hätte.

    Interessant wäre auch zu wissen, ob Sex Therapie für Frau Roche ist, oder das Schreiben darüber.

    @Zoé: Auch gut! Banale Körperfunktionen zum einen, als Ersatzreligion erhöht zum andern. Diese Spannung ist ja kaum zum Aushalten. Und wo führen sinnentleerte und mit neuem profanem Gehalt gefüllte Religiosismen hin?
    Sexualität hat ja nicht nur eine Funktion, sondern auch einen Sinn - schon vergessen? Und der grosse Erfinder hat uns Geschenk obendrein die Liebe mitgegeben.

    Ausserdem: welche Rolle nimmt der Mann im Bett mit einer Frau ein, die mit ihm Sex hat, um sich zu therapieren? Die des Therapeuten?

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  5. O, habe meinen Mann gerade mal gefragt: er meinte, in einer Beziehung sei immer mal Therapie beim Sex dabei..... Ich muss ihn noch zwingen, das etwas zu erläutern-:)

    Zoe, Du hast 'Clockwork Orange' genannt: für mich war dieses Buch in seiner Grausamkeit und unendlich mitleidlosen Brutalität ein Meilenstein, vor allem da eine ganze Generation dazu genötigt wurde, den dazu gehörigen Film als 'Meisterwerk' anzusehen - da ist mir jedes sexuell explizite Buch, an dem sich eine schwer angeschlagene Frau abarbeitet, tausendmal lieber.

    Erkenntnisse über England bzw London: Obwohl keiner in meiner Familie direkt betroffen ist, herrscht eine Art Untergangsstimmung, die, zusammen mit der Finanzkrise, wie ein Abwärtstaumel zu wirken scheint. Allerdings haben sich in den letzten Tagen vermehrt die Stimmen gemeldet, die nicht weiter polarisieren und polemisieren, sondern hervorheben, wieviele Menschen sich in Märschen (ja, ich weiss) und vor allem in Tat und Hilfe an den Aufräumarbeiten beteiligen (die werden dann schnell 'heroes' genannt). Ansonsten: Schuldzuweisungen, übelste Machenschaften der Presse, auch nichts Neues, Klein-Klein-Denken, das mit den Ursachen nichts zu tun hat. Die teils drakonischen Urteile, die gesprochen werden, dürften relativ unbemerkt und schnell wieder aufgehoben bzw relativiert werden.
    Und wieder zeichnet sich ab: das längstens vorhandene Unbehagen der Bevölkerung (und das hat nichts, aber auch gar nichts mit 'rechtsradikal' zu tun) wird nach wie vor komplett ignoriert. Es ist dekretiert worden, dass Multi-Kulti zu funktionieren habe, also werden auch die drastischsten Zeichen, dass dem nicht so sei, ignoriert bzw als unangemessen verurteilt. Alles wie gehabt - frustrierend!

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  6. Habe jetzt die Weltwoche gelesen. Fand den Rico-Bandle über CR eher mittelmässig. Aber die Frage und natürlich Antwort an und von Oskar Freysinger - sehr schön!
    Und zur Abwechslung hat mein spezieller Freund/Feind Guggenbühl mal etwas Witziges zustande gebracht: Lehrersprache verstehen!

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  7. Wo ich hinschaue: Roche. Roche, Roche, Roche. - Sagt bloss, ich muss den Mist auch noch lesen?

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  8. Die Feuchtgebiete habe ich nach 10 Tagen 'in disgust' ins Brockenhaus gebracht - fand ich nur ekelhaft.
    Das Neue habe ich angefangen zu lesen: bin hin- und hergerissen. Die Sex-Stellen (obwohl sonst nicht abgeneigt) empfinde ich eher ablöschend, die überspringe ich meistens (also lange, lange Passagen), aber bislang muss ich sagen: extrem traurig, eine riesige kindliche Provokation, ein Trauma auf ganz seltsame Weise bearbeitend. Aber meine Töchter und deren Freunde haben mir schon beim ersten Buch gesagt, sie empfänden das ganz anders als ich und das interessiert mich. Ueberhaupt interessieren mich die Reaktionen weit mehr als das Buch. Also quäle ich mich durch - obwohl, ist eigentlich gar keine Quälerei.

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  9. Sorry, nicht 'Tagen', sondern 'Seiten'.....

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  10. nein, lina, ich will roche auch nicht lesen. die roten ebenfalls nicht (wenngleich die schwanzlutscher-episode zugegebenermassen eine lustige war, astrid). es erstaunt mich selbst ein bisschen: das sind frauen meiner generation, und was sie zu sagen haben, sagt mir so gar nichts (eher noch, sträubt sich zwischenzeitlich alles in mir gegen eine lektüre). vielleicht muss man jünger oder älter sein, um sie zu verstehen.

    astrid, alles wie gehabt: keine guten aussichten. aber irgendwie erstaunt mich das nicht.

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  11. Muss man diesen schrecklichen, buchgewordenen Vaginamonolog lesen? Nein, sicher nicht.
    (wobei ich ihn bis Montag einer Kollegin abgeluchst habe, die bei ihrer Lektüre Folgendes störte: "Sie drängt sich einem auf, soviel will man von der nach einer Weile gar nicht mehr wissen. Es ist anstrengend.")

    Nun, ich kann mich erinnern, dass im damaligen Psychoanalyse-Thread in der alten Bar www.orlandos-bar.blogspot.com
    und in den Threads davor recht ähnliche Themen angesprochen wurden.

    Michele Roten ist eine Constantin Seibt in Frauform. Und sehr ähnlich geht es einem wohl bei Roche: Man fühlt sich wie Gaffer bei einem schweren Autounfall und starrt drauf und beginnt mit den Mitgaffern über Automarken zu fachsimpeln.

    Wenn man Blauen Eisenhüten Glauben schenkt, ist sogar die künstlerische Umsetzung noch Schrott. Das ist die "Gegenkultur" heute: sie hat dem prallen, richtigen, wirklichen, echten Leben nur Müll in mannigfaltigen Manifestationen entgegenzusetzen. Und wir, Bedürftige, nicken brav und sagen: so spannend.

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  12. O, und heute im Tagi-Magi auch noch Roten zu Roche..... Eine der schlechtesten, banalsten und lakonischsten 'Rezensionen', die ich bisher gelesen habe.
    Aber, und da greife ich das auf, was Sie gestern sagten, O. Es scheint diesen unbedingten Willen dieser Frau zu geben, ihrem Mann alles recht zu machen, die perfekte Bedienerin zu sein, und in vorauseilendem Gehorsam auf alle seine Wünsche einzugehen. Das spricht für meine Begriffe nur von Angst und bestätigt, dass es hier um eine Art von Selbsttherapie geht, wobei der Partner als (williger oder unwilliger) eine Art Betäubungsmittel benutzt wird.
    Dafür spricht auch die sehr klinische Art der Beschreibung der Sex-Szenen (da gebe ich Ihrer Kollegin absolut recht, O, far too much information) - pornografisch im Sinne von Erregung hervorrufen ist das, zumindestens bei mir, nicht; es hat eher etwas mit Prahlerei, Eitelkeit und Verletzung zu tun (ich teile allerdings Alice Schwarzers Diktum, dass Pornografie immer mit Gewalt gegen Frauen zu tun hat, nicht).
    Tja, O, dann scheine ich nicht zu den Bedürftigen zu gehören: ich nicke hier gar nichts ab, im Gegenteil. Aber mich interessieren, wie gesagt, die Reaktionen und was Sie alle zu sagen haben, schon sehr, denn das sagt natürlich etwas über unsere Zeit und Werteveränderungen aus. Und diese Tabu-Ausweitungen, die ja nichts Neues sind, betreffen meine Klienten und ihre Probleme und Aengste, sehr direkt und sind damit Teil meines Alltags.

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  13. Nach den ersten 40 Seiten während einer Zugreise: die (detailgenauen) Sexbeschreibungen sind noch fast weniger erotisch als die darauffolgende (detailgenaue) Beschreibung, wie sie einen Wirsing zubereitet...

    Zurück zur Frage: gibt es eine spezifisch weibliche Art. über Sex zu schreiben? Oder nur schon zu sprechen?

    Und unterscheidet sich ihre Lüsternheit von der Altherren-Geilheit eines Martin Walser oder Adolf Muschg?

    Und worin sollte eine "Werteämderung" bestehen, Astrid? Sex is overrated? We're all oversexed and underfucked?

    Wenn man bedenkt dass nur 150 Jahre nach "Tristan und Isolde", das Paar das durch einen Zaubertrank in unsterblichem begehren zueinander verfällt und doch nicht zusammenkommen kann ausser durch den Tod, dass anderthalb Jahrhunderte, nachdem diese äusserste Form des Sexus mit neuartigen und rauschfahten Klängen besungen und beweint wurde, eine Landsmännin aus dem Land der Dichter und Denker seitenlang beschreibt, wie und an welchen Stellen sie ihren Gemahl oral verwöhnt...

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  14. schliesse mich an, astrid: eine rezension, die ihre wirkung verfehlt. wer möchte danach das ganze noch ernsthaft lesen? wobei ich rotens einschätzung komisch finde, roches roman habe nichts mit pornografie zu tun, da alles explizit beschrieben und nichts der fantasie überlassen würde. vielleicht kenne die falschen pornos, aber die, die ich gesehen habe, waren genau das: explizit und fantasielos. es wäre wohl an der zeit für eine begriffsdifferenzierung.

    und astrid, vielleicht ist es ja gerade das, was mich an den rotens und roches stört: dieser wille, sich dem mann bedingungslos zur verfügung zu stellen (es sich aber gleichzeitig nicht anmerken zu lassen). es befremdet mich. und bin ich die einzige, die im gemeinsamen, von langer hand geplanten bordellbesuch das i-tüpfelchen auf dem angestrengt-hippen bio-spiessertum vermutet? astrid, bitte berichten, wenn du zu dieser stelle kommst.

    ansonsten rufe ich einen wettbewerb aus: welche sogenannten klassiker der weiblichen erotischen literatur kennt man, hatte sie auch schon in der hand, las sie aber nicht, wenigstens nicht bis zum ende? also ich habe erica jongs 'angst vorm fliegen' nach wenigen seiten zugeklappt. aus langeweile.

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  15. O, eine Werteveränderung bestünde z.B. darin, dass die Generation meiner Töchter sich zwar als hervorragend ausgebildet, selbstbewusst und sehr ehrgeizig zeigt, dabei einen nie gekannten Perfektionismus an den Tag legt, der eben auch Partnerschaft und Sex umfasst: ich muss schlank, schön, intelligent, gut verdienend sein UND gleichzeitig meinen jeweiligen Partner unbedingt sozusagen perfect 'servicen'. Das wäre dann eine umgekehrte Wertehaltung zu dem, was Alice Schwarzer oder Shere Hite, die den weiblichen Körper zum Tempel ausriefen, propagierten. 'Sex is underrated/overrated', etc: das sind alles Schlagworte, die dümmlich und einfältig klingen, aber eben auch (wenn auch eingeschränkte) Rückschlüsse auf den Ausrufer zulassen. Die übersexualisierte Gesellschaft: auch so ein Schlagwort. Trifft aber ziemlich gut eine Befindlichkeit, die ich bei jungen Frauen und Männern öfter sehe. Tatsächlich werden Ansprüche an sich selbst erhoben, die oft unglaublich sind. Schein ist oft Sein, virtuell kann jeder ein toller Hecht sein, die virtuellen und fotogeshoppten Helden jedoch auf den Wahrheitsgehalt abzuklopfen, ist nicht allen gegeben. Im Gegenteil, man misst sich daran, wird ein Teil dieser gigantischen Lüge, die dazu führt, dass Wahrheit, Realität und Problematik von Beziehungen gar nicht mehr richtig eingeschätzt werden können, da das ja bedeuten würde, eine mögliche Niederlage (!) für möglich zu halten. Wenn das kein Wertewandel ist.....

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  16. Einen Bitz weit bin ich einverstanden: eine Beobachtung, die ich mit viel jüngeren Freunden oft mache. Nicht einmal nur im Sex-Bereich aber dort auch, ein sagen wir kolossal gut ausgeprägtes Selbstbewusstsein, was die Ansprüche und die sich ausgerechneten Chancen anbelangt. Das Selbstbewusstsein, doch den allgemeinen äusseren Anforderungen durchaus zu entsprechen (schlank, gepflegt, herausgeputzt, gutangezogen, gutbejobbt, strotzend vor Optimismus). Und doch wollte und wollte es nicht klappen mit den Damen, nicht einmal nächteweise.
    Das Selbstbewusstsein junger Männer, Anspruch auf eine Frau zu haben, die aussieht wie jene Katalogmodels oder die hübsch zurechtgemachten US-Serienheldinnen. Diese Konditionierung des Geschmacks!

    Und der Stress, die mit ders geklappt hat dann den Freunden vorzustellen, weil sie einen breiten Arsch hat oder nicht eben gebildet ist! Fast schlimmer als die Enttäuschtheit, keine abzukriegen.

    Die wirklichen One-Night-Standers, die echten Rumkrieger, die ich kenne, haben fast immer enorme Kompromisse machen müssen und landeten mit sturzbetrunkenen "Bedüftigen" im Bett, die keinesfalls ihren Idealvorstellungen entsprachen, und mussten sich hurtig verabschieden am morgen.
    was sie natürlich nicht davon abhielt, trotzdem damit zu prahlen.

    Ein kolossal unbescheidenes Selbstbewusstsein wohl auch der jungen Froleins, die weil hübsch eine Aura der Unberührbaren haben. Ist es nicht anstrengend, laufend 90% des Männerangebots auszumustern? Und wieviele von ihnen haben doch trotz gutgeschminktem und -frisiertem Selbstbewusstsein die erotische Ausstrahlung einer Parkuhr?
    Und lassen sich dann mit dem erstbesten älteren Macker ein, so als Daddy zum Schutz vor all den Männern da draussen.

    Sorry, ich bin abgeschweift...

    Und eben, in der Virtualität sind dann nocheinmal übersteigerte Inszenierungen der Selbst(über)schätzung möglich.

    Hat nicht eine Untersuchung der WeWo vor einiger Zeit das Sexleben der Schweizer Studentinnen untersucht und kam zum Schluss: weitgehend tote Hose?
    Das Milieu und die natürlichen Erben der Hippies und 68er!

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  17. 'Fucking the pain away' versus 'rather underfucked than unloved'....
    Ich hege seit langer Zeit den Verdacht, oute mich hiermit als hoffnungslos altmodisch, dass die angeblich Unzugänglichen, die Beziehungsängstlichen, die Höchst-Ansprüchler genau das wollen, was wir höchstwahrscheinlich alle wollen. Um sich ja keine Blösse zu geben, werden alle möglichen Rollen gespielt, wird sich, bevormundet durch angebliche virtuelle Perfektion, dem Anspruchsdenken hingegeben, Höchstanforderungen gestellt, sich unnahbar gegeben etc. Da dieses alles vielleicht in der virtuellen Welt funktioniert, aber nicht real, fällt das Kartenhaus irgendwann zusammen und man landet nicht mit der Schönsten/Schlanksten/Intelligentesten im Bett, sondern mit der Verzweifelten (gilt jeweils auch umgekehrt). Glauben Sie mir, hinter den vermeintlich Arrogantesten lauert oft die ängstlichste/unsicherste und 'weichste' Frau. Mal ganz davon abgesehen, dass, zumindestens für mich, ons meistens ein unglaublich leeres und trauriges Gefühl hinterlassen, bewahren sie die seriellen ons-ler davor, ehrlich zu ihren Wünschen zu stehen.
    Ich muss, wenn ich eines dieser jungen Gesichter vor mir habe, irgendwie darauf hinwirken, dass sie lernen, zu ihren Wünschen zu stehen und diese auch laut sagen - und dass ihnen klar wird, dass Ansprüche und Wünsche etwas ganz unterschiedliches sind. Die mit den höchsten Ansprüchen an sich selbst erwarten das auch in der Regel vom anderen. Wenn man mal anfängt zu hinterfragen, ob das wirklich nötig ist, ob es nicht eine ungeheure Befreiung sein kann, mit einem Partner so sein zu können, wie man wirklich ist, Wünsche haben zu dürfen, ohne lächerlich gemacht zu werden, kommen diese Leute in der Regel relativ schnell darauf, dass sie keinen dauerhaften Partner finden, weil sie nicht 'authentisch' (sorry, O, ich weiss, wie Sie diesen Speak hassen) sind. Und alles zu tun, damit der andere mit einem zufrieden ist, hat mit Authentizität überhaupt nichts zu tun - es übertüncht im besten Falle eine Weile die Angst, er/sie laufe einem wieder davon.

    Also, wenn Sie laufend diesen Frauen begegnen, die anscheinend unter kollossaler Selbstüberschätzung leiden, denken Sie an meine Worte! Werden Sie leise und nachdenklich, die Frauen, die es wirklich wert sind, werden einen Mann, der sich für sie wirklich interessiert, auch nicht einfach davonschicken. Die anderen - who cares?

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  18. o., konditionierung. nach bedürftigkeit schon das zweite, gute stichwort. das kolossale selbstbewusstsein ist eben doch nichts anderes als mehr oder weniger gut kaschierte leere. bei roche hege ich zudem so langsam den verdacht, dass sex zwischenzeitlich die stellung einnimmt, die zuvor (nicht-)essen, alkohol und shopping eingenommen haben (s. zeit-interview). insofern kann ihr das leidenschaftlich vorgetragene plädoyer für eine abkehr vom weiblichen selbstzweifel nicht so recht abnehmen: frau kann sich mit der vorstellung vom perfekten sex genauso gut (wenn nicht besser) zerfleischen wie mit derjenigen vom perfekten körper.

    insofern die frage: wird es in zwei, drei jahren, wenn die nächste ersatzbefriedigung gefunden ist, bei der veröffentlichung des dritten roman heissen: sex ist vollkommen überbewertet? wir werden sehen.

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  19. yep, astrid. wobei ich eben zur unsicherheit die innere leere addieren würde. wer in einem positiv verstandenen sinn weiss, was er/sie wert ist, hat weder arroganz noch anderweitige überheblichkeits-allüren nötig. und macht bei dieser ums ich greifenden konditionierung einer perfekten oberflächen-erscheinung in möglichst jedem lebensbereich nicht mit.

    genitalverschönerungen wie schamlippenverkleinerung und analbleeching bilden dann den endpunkt dieser entwicklung.

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  20. Ja, innere Leere trifft es. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass bei jungen Frauen der Facebook-Generation (wenn man das mal so über einen Kamm scheren darf) ein Mann, der sich nicht von Ueberheblichkeitsgehabe abschrecken lässt, sondern bei wirklichem Interesse (wenn auch nur temporär) auch mal humorvoll nachhakt (ich weiss, von vielen zu viel verlangt), u.U. doch noch auf Gold stösst. Meine Kinder sagen mir ausserdem dauernd, dass Zürich kein Pflaster ist, das sich wirklich zur Partnersuche eignet. So war das in meiner Jugend in London auch - wenn nicht sogar schlimmer.
    Und bei Roche: obwohl die Bücher wahrscheinlich als 'iconic' zumindestens in die kürzere Geschichtsschreibung eingehen werden, ist die Gegenbewegung schon in Sicht - Gott sei Dank.

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  21. Moment mal, sie müssen m i r keine Tipps geben - ach ihr Psychotanten, immer das gleiche! :)

    Ich habe geschildert, wie ich viele Männer im Kollegenkreis erlebt habe. Aber vielleicht haben wir es dabei - Stichwort - auch wieder eher mit dem Differenzcode Mainstream/Off-Mainstream zu tun: Mein Geschmack war noch nie mainstreamtauglich und ich zähle viele ähnliche Leute zu meinen Freunden. Es stimmt, wir sind nicht die glücklichsten Menschen. Eher so wie die Menschen aus Woody Allens Filmen. Oftmals verkopft.

    Shopping, Trinken, Sex - ja vielleicht Zoé! Und in vier Jahren überrascht uns die Roche mit ihrer tiefen Religiosität, wiedergeborene Christin und so...

    Wobei jemand der solches schreibt?:

    "Das ist ja das Schöne. Egal wie ich aussehe, egal wie ich rieche, ich kann immer zu meiner Therapeutin Frau Drescher, egal, in welchem Zustand. Sagen das nicht die Spinner über ihren Gott, normalerweise? Aber die sind sich nicht ganz sicher und waschen sich doch lieber für ihn, falls er doch nicht so lieb ist, wie sie ihn erfinden."

    wtf?

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  22. Es sollte heissen: Mainstream/Non-Mainstream.

    Überhaupt, was nach wenigen Seiten auffällt: dieser blöde Plauder-, Schwatzton, diese Alltagsgebrabbel ("Das hat mich direkt sehr beeindruckt"), ständig englische Floskeln ("and it goes a little something like this:"), keine elaborierten Sätze, null Stil, einfach so hingekotzt als schriebe sie einer Kollegin ein Email.

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  23. Sorry, O, habe nicht genau gelesen. Vergessen Sie die 'Tipps'....
    Das mit dem 'verkopft' kommt mir übrigens auch bei mir und vielen anderen Frauen bekannt vor. Ist sicher keine reine Männersache. Und ja, macht das 'einfach sein' nicht einfacher. Allerdings macht das Menschen für mich auch interessant. Das Kopflastige vs das Emotionale. Es würde mich mal interessieren, wie Roches Mann mit dem Ganzen umgeht. Wenn ich mir diese seltsame pseudo-therapeutische Verbindung vorstelle, diese Zurschaustellung des Aller-Intimsten - was bleibt eigentlich für diese Verbindung noch? Mir ist es extrem wichtig, dass mein Mann und ich unsere eigenen Gefühlswelten haben, die wir auch nicht miteinander teilen (müssen). Dinge, die ungesagt bleiben, ungezeigt, unberührt - einfach nur aus Respekt vor dem anderen. Wenn alles auf dem Tisch läge (sozusagen), was bliebe dann dieser Beziehung? Das Faszinierende, vor allem an einer langen Partnerschaft, ist doch, dass mit geänderten Lebensumständen, höherem Alter, Familiensituation etc immer wieder völlig neue Facetten im anderen erscheinen. Damit umzugehen erscheint mir die Herausforderung. Kann man das wirklich, wenn man von vornherein als Sexsklave sein Innerstes nach aussen kehrt? Das ist eine ehrliche Frage, ich würde gern wissen, wie andere das sehen.

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  24. Hallo Ihr Lieben

    melde mich zurück.

    Eni

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  25. @Eni: hallo Eni! Willkomen zurück, wie war ihr Urlaub?

    @Astrid: soeben den Roten-Text gelesen. Also entschuldigung, ist das alles was drinliegt? Hat doch Germanistik studiert die Frau, oder? Nein wirklich. Ist nicht mal witzig oder informativ.

    Und ihre Kolumne im gleichen Heft: hä?

    Verlängert Rotens Babypause, bitte!

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  26. Ja, war auch enttäuscht. Beide Male.....

    Hallo Eni! Hatten Sie schöne Ferien?

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  27. eni, hallo!

    astrid, mich würde interessieren, wie der ehemann im buch dargestellt wird. nicht, weil ich davon ausgehend auf roches mann schliessen würde, aber es interessiert mich, was für eine art mann mit so einer kaputten, bedürftigen frau, wie elizabeth es zu sein scheint, verheiratet ist. wird seine gedanken- und gefühlswelt überhaupt thematisiert, oder dreht sich alles um ihre befindlichkeiten?

    o., roten lese ich zwischenzeitlich nur noch, wenn ich muss. insofern hege ich auch keinerlei erwartungen mehr an ihre texte.

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  28. o., es gibt sie noch, die witzig-vielsagenden rezensionen, und sie benötigen noch nicht einmal viele worte...

    http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,781224,00.html

    die heizdecke, neben dem bordellbesuch noch so ein oberspiessiges element. zwischenzeitlich bin ich mir sicher: spätestens beim nächsten roman wird uns roche mitteilen 'ätsch, schon wieder an der nase herumgeführt'.

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  29. Zoé, ich habe heute morgen beschlossen, keine Rezension, kein Interview mehr und schon gar nicht das Buch zu lesen. Die wunderschöne Stimmung am See wurde mir heute beinahe verleidet, als eine Frau (ca. 35-jährig, deutlich goldküstenmässig badegewandet, mit LV-Sonnenbrille etc) ihren ebenso klischierten Mann mit Auszügen aus 'Schossgebeten' traktierte. Die leicht schrille Stimme trug leider (absichtlich) weit, bis zu unserem Plätzchen. Mein Mann bezeichnete diese Szene als 'umgekehrte Wichsvorlage' (Pardon), wie sie da so diese pseudo-spöttischen, weltmännischen und ach-schau-mal-wie-hip-ich-bin Show aufführte und ihr Mann sich wand wie ein peinlich-berührter Wurm. Sicher können das Buch oder Roche nichts dafür, aber das war der Moment, in dem ich beschloss, es weder zu kaufen noch zu lesen. So there....

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  30. weisst du, astrid, ich vermute dunkel, dass die goldküstendame zu denjenigen gehört, denen roche in nicht allzu ferner zukunft eine lange nase drehen wird... dennoch, ich mag bei dem ganzen theater nicht mitmachen. vielleicht nehme ich das buch in so 5-10 jahren in die hand und schau mal, was davon übrig geblieben ist.

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  31. Zusammenfassung der Bücher von Charlotte Roche von Tracey Emin?

    "My cunt is wet with fear" (Neon-Installation)

    http://low-contrast.blogspot.com/2010/11/my-cunt-is-wet-with-fear.html

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  32. Also Ladies, einen Badi-Nachmittag und 100 plus irgendwas Seiten Schossgebete weiter, komme ich nicht umhin einige Feststellungen zu machen:

    - Es gibt sehr viele fettleibige Kinder.

    - was die eigene Körperlichkeit anbelangt: so ein Badibesuch ist Therapie! Man findet die eigene Postur plötzlich als gar nicht so problematisch. Es gibt schlimmeres.

    - Das Alter führt sich dem menschlichen Körper gegenüber wie ein Arschloch auf.

    - Wieso schreien jene Leute mit den am hässlichsten klingenden Sprachen (z.B. Albanisch) immer am lautesten im Zeug herum?

    - Roche, oder besser: ihre Kunstfigur Elizabeth Kiehl, gelingt immerhin die Beschreibung des Autounfalls recht eindringlich. Das Problem: sie will alles eindringlich gestalten, nicht nur die Stellen, wo es ums Eindringen geht. Sie nimmt noch das Zähneputzen mit der Tochter als Anlass, sich und ihre - nun, uninteressanten - Gedankengänge zu diesem und jenem dem Leser aufzudrängen. Spannungsbögen gibt es kaum: wird etwas storytechnisch Interessantes (es ist immerhin ein Roman!) neues angetönt (sie will mit dem Mann wieder mal ins Bordell, sie hat Würmer, sie fährt nach dem Sex ungewaschen zur Psychotherapeutin) dann folgen seitenlanges Psychobabble und öde Monologe, was sie nicht alles "scheisse" findet - das Wort taucht praktisch auf jeder Seite mindestens einmal auf. Plötzlich denkt man an Brett Easton Ellis, aber dazu fehlt die Architektur, die Ökonomie des Erzählflusses.

    - Wer weiss jetzt, wie genau sich Roche/Kiehl den After abwischt nach dem grossen Geschäft? Ich, ich ich! Trotzdem mich das nie interessierte. Frau Roche meint, das habe sie noch nie mit jemandem besprochen. Und bespricht es nun mit dem anonymen Leser.

    - Will ich nun wissen, wie nach der Wurmbehandlung der Puffgang sich ausgestaltet? Nicht wirklich, weil ich weiss, bis es soweit ist, muss ich ganz viel Scheisse lesen - im wahrsten Sinn des Wortes. Da habe ich so keine Lust zu.

    - Sie wolten uns an der Nase rumführen, Frau Roche? Sorry, ich kann nicht, habe dann schon was anderes los...

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  33. @ O

    Leider waren meine Ferien eine Katastrophe. Angefangen bei der versifften Wohnung, das Wetter war besch... und meine Mutter musste ins Spital. Alles in allem nur Stress, zudem gibt es noch Schwierigkeiten meine Kinder während meiner Arbeit unterzubringen.

    Zum Theama: Ich habe "Feuchtgebiete" gelesen (aus Langeweile) und fand es irgendiwie zum Abgewöhnen. Will ich denn wirklich so genau wissen, was andere in der Horizhontalen treiben?

    Was Ihre Freunde mit den ONS angeht, bei welchen sie grosse Kompromisse machen müssen: könnte es denn nicht auch sein, dass die "bedürftigen" Frauen bei diesen Männern Kompromisse machen? Nich jeder Mann hält im Bett, was er in der Bar verspricht und bei einem ONS macht ja wohl eher die Frau 2. als der Mann. Auch finde ich es sonderbar, wenn diese Männer prahlen müssen. Meine Erfahrung ist, dass Menschen die gross tönen ziemliche Luschen und das nicht nur auf den Sex bezogen sondern im Leben allgemein.

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  34. Stimmt, Eni, das hatte ich total vergessen - und das, wo ich es doch sonst bei jeder Gelegenheit zu sagen pflege:
    Menschen, die ständig über Sex reden (müssen), haben keinen!

    Und O: danke vielmal. Das hat mir jetzt den Rest gegeben. Thema ist für mich beendet.

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  35. astrid, gilt das auch für menschen, die ständig über sex schreiben (müssen)? das war die überlegung, die mich heute nach den x-ten roche-rezensionen (die in der sonntagszeitung, die in der weltwoche und die in der nzz) beschäftigt hat: wenn wir uns fragen, ob frauen anders über sex schreiben als männer, dann sollten wir uns vielleicht zuvor fragen, was für frauen (und männer) eigentlich über sex schreiben.

    lina, der spruch.

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  36. "Meine Fotze ist vor Furcht feucht".

    Ja, Applaus. Applaus! Gewagt, verrucht, eigenwillig...wo ist die Weinbar?

    Die Restaurant-Links sind interessanter als was offenbar realiter zu sehen war.

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  37. Zoé, ja, definitiv ja!
    Die Frage ist, warum Männer und Frauen über Sex schreiben. Und auch hier würde ich sagen: form follows function.
    Gute Nacht!

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  38. o., doch, ich denke, lina hat mit der tracey emin-referenz den nagel auf den kopf (die roche) getroffen. erinnern sie sich an das hesse-zitat zu tröstungen und betäubungen? sex fungiert bei roche als mittel, um die 'Zerissenheit des Daseins', wie karl japers es nennen würde, auszuhalten. ihm zufolge stösst der mensch wiederholt auf grenzsituationen, sogenannte »letzte Situationen, die mit dem Menschen als solchem verknüpft, mit dem endlichen Dasein unvermeidlich gegeben sind.« dies hat folgende konsequenz:

    »Im Blick auf das Scheitern scheint es unmöglich zu leben. Wenn das Wissen um das Wirkliche die Angst steigert, Hoffnungslosigkeit mich in der Angst vergehen läßt, so scheint vor der unausweichlichen Tatsächlichkeit die Angst das Letzte zu werden; die eigentliche Angst ist die, die sich für das Letzte hält, aus der kein Weg mehr ist«, in der ich »in den bodenlosen Abgrund der endgültig letzten Angst versinke«. Das ist die Situation der nihilistischen Verzweiflung, der Blick in »das starre Dunkel des Nichts«. (ja, jaspers kannte seinen pappenheimer nietzsche)

    was hilft? nur eines: dass man diese zerissenheit auf sich nimmt und aushält, denn erst im aushalten der grenzsituationen gelangt der mensch zu seiner eigentlichen existenz. für jaspers ist dies zugleich der tiefere ursprung der philosophie, roche hingegen belässt es beim betäubungs-fick. (für die zitatauszüge vgl. Wilhelm Weischedel, Die philosphische Hintertreppe, 270f.)

    von hier aus könnte man sich weiterführende fragen zur dualität von geist und körper stellen.

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  39. Nihilistische Verzweiflung - ja, gewiss.

    Aber es ist alles so anal, fäkal und so eine Art Punk-Trash-Abgefuckt, dass kaum von Grenzerfahrung/situation gesprochen werden kann. Wenn es keine Tabus mehr zu brechen gibt, dann kotzt man halt einfach auf alles, was noch da ist.

    Und irgendwie scheint sie sich ja lustig zu machen über das Bio-Spiessertum ihrer Protagonisten. Ach, wo die Rohe steht und was sie mit all dem aussagen will (wahrscheinlich nichts): keine Ahnung.

    Es ist wie gesagt aber auch egal.

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  40. ja, sie scheint sich prächtig zu amüsieren, ein stück weit auch über sich selbst. es interessiert mich insofern wirklich, wie sie sich in zwei, drei jahren von elizabeth absetzen, deren (schein-)hülle abstreifen wird. momentan lässt sie ja vieles (bewusst?) in der schwebe, wie damals bei den 'feuchtgebieten'. dieses versteckspiel mit dem feuilleton und den lesern fasziniert mich wider erwarten - mehr jedenfalls als der buchinhalt als solcher.

    eine bemerkung am rande: auf den sonntagszeitungs-bildern sah roche sehr sympathisch aus, entspannt. sie hat offenbar ihre körperproblematik mittlerweile überwunden. das genaue gegenteil davon die weltwoche-fotografie von roten (es handelt sich um eine ältere abbildung von 2008). sie verkörpert in meinen augen das, was roche im zeit-interview die 'magersüchtig angespannte Ausstrahlung' nannte. womöglich liegt es aber auch einfach am aufnahmewinkel oder am nervösen ziehen an der zigarette.

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  41. Zoé, es geht mir ähnlich. Da kann ich das Thema für mich noch so oft für beendet erklären....
    Das SZ-Interview habe ich erst vorhin gelesen, zwei Absätze haben mich wider Willen gepackt. Die Frage nach der Reaktion ihres Mannes: '...also ich schreibe eigentlich nur, um den aufzuregen. Ich will, dass so richtig was los ist, und er sagt, Mann, Mann, Mann, Charlotte, da hast Du Dir aber wieder einen zurechtgeschrieben. Ich schreibe, um meinen Mann zu beeindrucken....'. Das kommt mir bekannt vor. Es ist ein Weibchen-Schema, das lockt, provoziert, verführt, reizt und nervt, bis irgendeine Reaktion kommt, fast schon egal, welche. Nach dem Motto: solange Du Dich noch an mir nervst, bist Du noch da. Lebensangst.

    Zweitens die Frage nach der Vermarktung ihres Buches: ihr angebliches Erschrecken über die Auflagenhöhe, ihre Angst vor dem Versagen, gleichzeitig aber auch ein gewisser Kontrollzwang auf der anderer Seite weisen m.E. darauf hin, dass sie nicht so naiv ist, wie ihre zum Teil extrem kindlichen und kindischen Aussagen vermuten lassen. Ich tendiere langsam auch dazu, das Ganze als ein Spiel mit dem Feuer zu sehen, das zum Teil bewusst inszeniert wird. Und Zoé, Du könntest völlig recht haben: in ein paar Jahren präsentiert sie sich uns als geläuterte, asketische wiedergeborene Christin.... Und ob das dann mehr mit Missionierungsgedanken (die sie ja jetzt noch verneint) oder mit Auflagesteigerung zu tun hat, können wir dann wieder diskutieren.

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  42. also die wiedergeborene christin hat o. ins spiel gebracht. so weit würde ich dann doch nicht gehen (eher noch würde ich auf die künftige philosophin tippen), aber harmlos ist die roche sicher nicht. wenn sie dann einmal die gewollt kindlich-kindische attitüde (genau, astrid!) abgelegt hat, wird sie womöglich auch für mich lesbar. wobei, ich zweifle ja noch stark an ihrem sprachlichen können, aber vielleicht führt sie auch in diesem punkt eines tages ihre kritiker aufs glatteis?

    lustig zu lesen: die wandlung eines mafia-saulus zum christen-paulus. vielsagend schon der titel: tipps aus der unterwelt: was manager von der mafia lernen können. in zeiten der perpetuierten finanzkrise vielleicht nicht die schlechteste lektüre.

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,781418,00.html


    PS:

    solange du dich noch an mir nervst, bist Du, bin Ich noch da, und solange haben wir uns auch noch was zu sagen - das kenne ich. bei männern nennt sich das aufmerksamkeitsdefizit, und ist bisweilen allerliebst zu beobachten. ausser, frau möchte gerade ihre sonntagszeitung in ruhe lesen.

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  43. O, ich knabbere noch an Ihrem Kommentar über Doris Fiala herum..... Sie regt Ihre Fantasien an? Witzigerweise ist mein Mann derselben Meinung, er hat sie mal auf dem Velo durch Zürich fahren sehen und war, ähem, angetan.
    Mir kommt sie eher etwas, how shall I put it, streng vor? Aber das ist es wahrscheinlich.....
    Erhellen Sie mich, bitte. Mein Held weigert sich.

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  44. Sexyness, Stil, Weiblichkeit?
    Der Blick?
    Mrs Robinson?

    Nun zu ganz etwas anderem!
    Heute auf diese Zeile gestossen (mit welcher ich den Bogen vom Vorthread zum Ad-Acta-Legen der Roche schlagen möchte):

    "Die ganze Welt ist nur aus Mauern zusammengefügt, zwischen denen wir alle uns mit einsamen und irren Schreien suchen!"

    (Grete Weil, Boulevard Solitude, 1952)

    So etwas gefällt mir, es erschüttert mich tief.

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  45. Mir gefällt das überhaupt nicht.

    In der einen Zeitung heute (Südostschweiz), ich sass gemütlich beim Kaffee: zufällig drei Todesanzeigen nebeneinander. Junge Männer. Jahrgang 1988, 1990, 1977. Graubünden 2011. Soviel zu "Boulevard Solitude", soviel zur heilen Welt der Alpen.

    Schönen Tag!

    Mit Umarmung.

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  46. 'There are as many nights as days, and the one is just as long as the other in the year's course. Even a happy life cannot be without a measure of darkness and the word 'happy' would lose its meaning if it were not balanced by sadness' C.G. Jung

    I certainly should know better; and still I have to be reminded over and over again how fragile life is, how quickly it could all be over.

    So, yes, all of you have as good a day as you can make of it!

    (Shame on me: sniggering while reading Tiger's 'I love you all' it suddenly hit me that in times of greatest sorrow and pain I felt this, too. How could one forget something like this?)

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  47. Auch das noch: Loriot ist tot. Scheiss Tag.

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  48. immer wenn ich vom tod eines jungen menschen höre, muss ich an spencer bell denken:

    http://www.youtube.com/watch?v=RBMYLQqSQt8

    spencer bell ist kein name, den man kennt. ich kenne ihn nur, weil mein mann ihn an der new york film academy getroffen hat. wir waren uns damals sicher: dieser name würde sich der welt einprägen. wenige monate nach unserer rückkehr hat uns seine todesanzeige erreicht. es hat mich mehr erschüttert als vieles andere, dieses so absurd anmutende erlöschen eines zukunftsversprechens. so viele wege versanden.

    sit tibi terra levis, golden boy.

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  49. Ja, der Tod junger Menschen erschüttert mich immer wieder aufs Neue, vor allem bei Kindern aber auch bei Suiziden oder Unfällen aus Blödsinn.

    In meiner Zeitung waren heute die Todesanzeigen von Drillingen, wie furchtbar muss das für die Eltern sein. Und doch denke ich, dass wenn eines überlebt hätte, die Geschwister fehlen würden.

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